Seit vier Tagen fährt der ICE L ins Allgäu – und ersetzt ausgerechnet den letzten IC1 nach Oberstdorf!

Für das Allgäu ist dieser Zugwechsel mehr als eine neue Fahrzeugbaureihe im Fahrplan. Seit dem 12. Juli 2026 fährt der neue ICE L planmäßig nach Oberstdorf. Offiziell ist das ein Fortschritt: mehr Komfort, stufenloser Einstieg, modernes Fahrgastinformationssystem, Bordrestaurant und ein Fahrzeugkonzept, das gerade für touristische Ziele ohne durchgehende Elektrifizierung interessant ist.

Für Eisenbahnnerds ist es aber auch ein Abschied. Denn mit dem ICE L verschwindet auf dieser Verbindung der bisherige IC 2012/2013 „Allgäu“ mit klassischen IC1-Wagen. Die Deutsche Bahn hatte bereits für den Fahrplan 2026 angekündigt, dass für das Zugpaar ab Dortmund über Düsseldorf, Köln und Bonn nach Oberstdorf ab Juli 2026 statt älterer Intercity-Wagenzüge die neuen ICE L eingesetzt werden.

Damit wird aus IC 2012/2013 im Alltag ICE 2012/2013. Das klingt zunächst nur nach einer anderen Zuggattung, ist aber technisch und emotional ein großer Einschnitt. Der alte Intercity stand für klassische lokbespannte Fernverkehrskultur: Einzelwagen, ältere IC1-Garnituren, Dieselabschnitte, ein Zuglauf tief hinein ins Allgäu und eine Verbindung, die für viele Eisenbahnfreunde gerade wegen ihrer Unperfektheit spannend war. Der neue ICE L dagegen ist ein moderner Talgo-Niederflurzug, der genau diese alte IC1-Welt ersetzen soll.

Das Ende kam nicht ganz geräuschlos. Laut Eisenbahn.de verließ der letzte IC 2012 am 9. Juli 2026 Oberstdorf und erreichte Dortmund Hbf mit 98 Minuten Verspätung. Drei Tage später lief der erste planmäßige ICE L nach Oberstdorf deutlich besser an: Der ICE 2013 startete um 10:53 Uhr in Köln und kam mit nur vier Minuten Verspätung in Oberstdorf an. Für eine Verbindung, die zuletzt als extrem unzuverlässig galt, war das ein erstaunlich sauberer Auftakt.

Technisch ist der ICE L für genau solche Relationen spannend, weil er kein klassischer ICE-Triebzug ist. ICE 1, ICE 3 oder ICE 4 sind als Triebzüge beziehungsweise fest gekuppelte Hochgeschwindigkeitszüge bekannt. Der ICE L ist dagegen ein lokomotivbespannter Wagenzug: eine Lok, dahinter 17 Talgo-Wagen inklusive Steuerwagen. Die DB nennt für den ICE L eine Gesamtlänge mit Lok von 256 Metern, eine Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h und 562 Sitzplätze, davon 85 in der 1. Klasse und 477 in der 2. Klasse.

Der Buchstabe L steht für Low Floor, also Niederflur. Genau das ist eines der stärksten Argumente für den neuen Zug. Der ICE L ermöglicht an Standardbahnsteigen mit 76 Zentimetern Höhe stufenlosen Ein- und Ausstieg. Gerade für Oberstdorf als touristisches Ziel ist das relevant: Reisende mit Koffern, Kinderwagen, Fahrrädern, Rollatoren oder Rollstühlen profitieren stärker als bei klassischen IC1-Wagen mit Stufen.

Auch innen ist der Schritt groß. Der ICE L bringt WLAN, ICE-Portal, Echtzeit-Fahrgastinformation, Gepäckbereiche, acht Fahrradstellplätze, drei Rollstuhlplätze sowie einen großen Familienbereich mit 46 Plätzen und ein Kleinkindabteil mit. Dazu kommt ein Bordrestaurant beziehungsweise Bordbistro. Für normale Fahrgäste ist das schwer zu bestreiten: Gegenüber alten IC1-Wagen ist das ein deutlicher Komfort- und Barrierefreiheitsgewinn.

Der eigentliche Trick im Allgäu steckt aber nicht nur im Wagenzug, sondern in der Traktion. Die Strecke Richtung Oberstdorf ist nicht durchgehend elektrifiziert. Genau deshalb kann dort nicht einfach jeder elektrische ICE fahren. Beim ICE L ist der Wagenzug flexibel mit anderen Loktypen kuppelbar; für nicht elektrifizierte Strecken sind laut DB Zweikraftlokomotiven vorgesehen, die zusätzlich über einen Dieselmotor verfügen.

Im Allgäu kommt dafür die Siemens Vectron Dual Mode im Fernverkehrseinsatz zum Zug, bei der DB als Baureihe 248.5 bekannt. Schon im März 2026 fanden Testfahrten mit einer solchen Zweikraftlokomotive im Allgäu und an der Geislinger Steige statt. Dabei wurden unter anderem Anfahrversuche und Messungen durchgeführt, weil die Kombination aus schwerem Talgo-Wagenzug, Steigungsstrecken, Dieselbetrieb und touristischer Endstrecke betrieblich sauber funktionieren muss.

Das macht den neuen Oberstdorf-Einsatz für Eisenbahnfans so interessant: Es ist eben nicht einfach „ein ICE fährt jetzt weiter“. Es ist ein ICE-L-Wagenzug, der auf nicht vollständig elektrifizierten Relationen mit einer Zweikraftlok unterwegs ist. Beim Auftakt am 12. Juli war laut Eisenbahn.de etwa 248 506 an der Zugspitze zu sehen, am Zugschluss lief 248 509 mit.

Damit wird der ICE L nach Oberstdorf auch zu einem technischen Kompromiss. Auf elektrifizierten Hauptstrecken kann der Zug das ICE-Komfortversprechen besser ausspielen. Auf dem Weg ins Allgäu ist aber die Infrastruktur der limitierende Faktor. Die IHK Schwaben verweist darauf, dass zwischen Ulm und Oberstdorf keine durchgehende Elektrifizierung besteht und die Oberleitung dort wohl frühestens 2035 stehen dürfte.

Genau deshalb ist der ICE L dort überhaupt so passend: Er verbindet einen modernen Fernverkehrswagenzug mit einer Lok, die sowohl unter Fahrdraht als auch ohne Fahrdraht eingesetzt werden kann. Für Regionen wie Oberstdorf oder Westerland ist das ein entscheidender Punkt. Ein normaler ICE-Triebzug wäre auf solchen Abschnitten ohne Elektrifizierung nicht einsetzbar. Der ICE L kann diese Lücke schließen, weil er lokbespannt bleibt.

Trotzdem startet die neue Verbindung nicht vollständig rund. B4B Schwaben berichtet, dass der ICE 2013 nach Oberstdorf bis voraussichtlich 9. Oktober zunächst erst ab Köln Hbf fährt. Wer aus Dortmund kommt, muss in dieser Anfangsphase Richtung Oberstdorf also noch umsteigen. In der Gegenrichtung fährt der ICE 2012 von Oberstdorf laut Bericht aber bis Dortmund.

Dazu kommen Bauarbeiten. Zwischen 7. September und 6. Oktober entfällt die Verbindung zwischen Oberstdorf und Stuttgart erneut. Genannt werden unter anderem Gleiserneuerungen zwischen Immenstadt und Kempten sowie Bahnsteigarbeiten entlang der Strecke Kempten–Oberstdorf. Außerdem hält der ICE im Allgäu zunächst nur in Oberstdorf, Kempten und Memmingen; Immenstadt soll nach der derzeitigen Fahrplanauskunft erst ab 25. August folgen, Sonthofen und Fischen später.

Auch das ist für Nerds spannend, weil es zeigt: Der ICE L löst nicht automatisch alle Probleme der Strecke. Das Fahrzeug ist neu, aber die Infrastruktur bleibt anspruchsvoll. Bahnsteighöhen, Baustellen, nicht elektrifizierte Abschnitte, Fahrzeugumlauf und betriebliche Einschränkungen bestimmen weiterhin, wie gut der Fernverkehr ins Allgäu tatsächlich funktioniert.

Für Reisende ist der neue Zug trotzdem ein echter Fortschritt. Der alte IC 2012/2013 war zuletzt nicht nur nostalgisch, sondern auch problematisch. Die IHK Schwaben schrieb vor dem Wechsel, der IC 2013 habe in seinen letzten 30 Tagen kein einziges Mal planmäßig sein Ziel erreicht und sei im Schnitt 40 Minuten verspätet gewesen; an neun Tagen sei er gar nicht bis Oberstdorf gekommen.

Genau hier liegt der Zielkonflikt: Eisenbahnfans verlieren einen klassischen IC1-Wagenzug, der für viele emotional und betrieblich interessanter war als ein moderner Komfortzug. Fahrgäste bekommen aber einen Zug, der barriereärmer, komfortabler und im Idealfall zuverlässiger sein soll. Aus Eisenbahnromantik-Sicht ist das ein Verlust. Aus Fahrgastsicht ist es schwer, den stufenlosen Einstieg, moderne Ausstattung und mehr Komfort schlechtzureden.

Besonders bitter ist der Zeitpunkt, weil die klassische IC1-Ära insgesamt ausläuft. Die DB beschreibt den ICE L selbst als Fahrzeug, das die alten Intercity-1-Züge ablösen soll. Damit ist Oberstdorf nicht nur irgendeine neue ICE-Destination, sondern Teil eines größeren Flottenwechsels: weg vom alten Fernverkehrswagenzug, hin zum modernen, standardisierten Niederflur-ICE.

Am Ende bleibt deshalb ein gemischtes Bild. Der ICE L nach Oberstdorf ist technisch faszinierend, weil er Niederflur-Fernverkehr, Talgo-Gliederzug, Zweikrafttraktion und touristische Diesel-Endstrecke zusammenbringt. Er ist verkehrspolitisch wichtig, weil das Allgäu weiter direkt an NRW angebunden bleibt. Und er ist für Fahrgäste ein Fortschritt, weil Barrierefreiheit und Komfort steigen.

Aber für Eisenbahnfreunde bleibt der Abschied vom IC1 schmerzhaft. Der IC 2012/2013 war kein perfekter Zug, vielleicht sogar oft ein unzuverlässiger Zug – aber er war ein Stück klassischer deutscher Fernverkehr. Seit vier Tagen fährt nun der ICE L ins Allgäu. Modern, leiser, komfortabler, barriereärmer. Und trotzdem fährt mit jedem ICE 2012/2013 auch ein bisschen das Gefühl mit, dass auf dem Weg nach Oberstdorf eine Ära endgültig zu Ende gegangen ist.

Ist der ICE L nach Oberstdorf für euch ein echter Fortschritt – oder überwiegt der Verlust des klassischen IC1 auf dem IC 2012/2013? Habt ihr den ICE L schon im Allgäu gesehen? Trauert ihr dem IC1 auf dem IC 2012/2013 nach?

Copyright: Deutsche Bahn AG / Thomas Niedermüller

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